Wie wirkt Geldpolitik auf die Wirtschaft?

Der Transmissionsmechanismus


Was ist der geldpolitische Transmissionsmechanismus?

Aufgrund des Einflusses, den die Geldpolitik auf die Finanzierungsbedingungen (nicht nur auf die Kosten, sondern auch auf die Verfügbarkeit von Krediten oder die Bereitschaft der Banken, bestimmte Risiken einzugehen) in einer Volkswirtschaft ausübt und auch aufgrund ihres Einflusses auf Konjunktur- und Inflationserwartungen kann die Geldpolitik auf Güterpreise, Vermögenspreise, Wechselkurs sowie auf Konsum und Investitionen einwirken.

Eine Zinssenkung trägt zum Beispiel zu einer Verringerung der Kreditkosten bei, die zu höherer Investitionstätigkeit sowie zum Kauf langlebiger Güter führt. Die Erwartung eines Konjunkturaufschwungs kann die Banken auch dazu veranlassen, ihre Kreditvergabepolitik zu lockern, was wiederum dazu führt, dass Unternehmen und Haushalte ihre Ausgaben erhöhen können. Bei niedrigeren Zinssätzen werden Aktien attraktiver, sodass das Vermögen der Haushalte steigt, was ebenfalls zu höheren Konsumausgaben beiträgt, während für Unternehmen die Attraktivität ihrer Investitionsprojekte zunimmt. Ein niedrigerer Zinssatz führt tendenziell auch zu einer Abwertung der Währung: Wenn importierte Güter teurer werden, steigt die Nachfrage nach inländischen Gütern. Alle diese Faktoren bewirken höhere Produktion und Beschäftigung sowie höhere Investitions- und Konsumausgaben. Wenn Güter- und Arbeitsmärkte ausgelastet sind, kann jedoch diese erhöhte Nachfrage ein Ansteigen der Preise und Löhne zur Folge haben.

Die genauere Art und Weise, wie sich geldpolitische Entscheidungen auf die Volkswirtschaft im Allgemeinen und das Preisniveau im Besonderen auswirken, wird geldpolitischer Transmissionsmechanismus genannt. Die einzelnen Verbindungen, über die diese geldpolitischen Impulse übertragen werden, werden als Transmissionskanäle bezeichnet. Die wichtigsten geldpolitischen Übertragungswege (Transmissionskanäle) sind in der Abbildung vereinfacht und schematisch dargestellt. 



Transmissionskanäle

Auswirkungen geldpolitischer Impulse auf die Wirtschaft

Jeder geldpolitische Impuls (Zinsänderung der Notenbank bzw. Änderung des Leitzinssatzes oder der Geldbasis durch Änderungen des Mindestreservesatzes oder der Refinanzierungskosten) wirkt sich erst mit einer zeitlichen Verzögerung auf die Wirtschaft aus. Andererseits existiert Unsicherheit darüber, wie monetäre Impulse genau auf das Preisniveau übertragen werden oder wie sich kurz- bis mittelfristig reale Variablen verändern. 

Die Schwierigkeit in der Analyse besteht darin, die einzelnen Kanäle in ihrer Wirkungsweise von Einflüssen externer Faktoren zu bereinigen. Solche externen Faktoren, wie Angebots- oder Nachfrageschocks, technischer Fortschritt oder struktureller Wandel, können Zentralbankmaßnahmen überlagern, und es fällt schwer, diese herauszufiltern, um isoliert die Wirkung der Geldpolitik auf verschiedene Variablen zu analysieren. Erschwerend kommt hinzu, dass der reale Wirtschaftssektor erst mit Verzögerung auf monetäre Maßnahmen reagiert, was eine zukunftsgerichtete Geldpolitik unabdingbar macht.

Die geldpolitischen Übertragungswege (Transmissionskanäle) werden im Detail beschrieben: 

Zinskanal: Durch diesen Kanal löst eine Erweiterung der Geldmenge durch die Notenbank eine Senkung der kurzfristigen Marktzinssätze aus. Infolgedessen sinken der Realzinssatz sowie die Kapitalkosten und daher steigen die Investitionen. Darüber hinaus sparen Konsumenten weniger, und zukünftiger Konsum wird durch heutigen Konsum ersetzt. Infolge dessen kommt es zu einer Nachfragebelebung. Wenn Güter- und Arbeitsmärkte ausgelastet sind, kann jedoch diese höhere Nachfrage zu einer Erhöhung der Preise und Löhne führen.

Kreditkanal: Unter Kreditkanal werden eigentlich zwei verschiede Kanäle beschrieben: 

  1. Kreditvergabekanal: durch ihre geldpolitischen Entscheidungen beeinflusst die Notenbank die Refinanzierungskosten der Kommerzbanken, die diese Änderungen an ihre Kunden weitergeben wollen. Wenn die Finanzierungskosten fallen, steigen sowohl die Investitionen als auch der Konsum, was zu einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstum und der Inflation beiträgt. Ein Zinsanstieg kann andererseits das Kreditangebot einschränken, wenn das Risiko, dass einige Kreditnehmer ihre Kredite nicht ordnungsgemäß zurückzahlen können, so stark erhöht ist, dass Banken diesen Kreditnehmern keinen Kredit gewähren. Naturgemäß wären die Kreditnehmer infolgedessen gezwungen, ihre geplanten Ausgaben zu reduzieren.
  2. Bilanzkanal: Die Geldpolitik kann sich direkt auf die Unternehmenspolitik auswirken. Der Grund dafür ist, dass es einem Unternehmen möglich ist, seine Eigenkapitalrendite durch die Aufnahme von Fremdkapital zu verbessern, solange die Fremdkapitalrendite, die nichts anderes als Kreditzinsen ist, niedriger ist als die Gesamtkapitalrendite. Die Gesamtkapitalrendite ist demnach also ein gewogenes arithmetisches Mittel aus der Eigenkapitalrendite und den Kreditzinsen, wobei diese jeweils mit dem Anteil des Eigen- und Fremdkapitals am Gesamtkapital gewichtet werden. Eine Zinssenkung führt daher zu einer Verbesserung der Eigenkapitalrendite. Dadurch kann es dazu kommen, dass nicht-profitable Unternehmen eine positive Eigenkapitalrendite ausweisen. Der Einfluss der Zinsen auf das Investitionsverhalten wird dadurch jedoch verstärkt. Man spricht deshalb auch vom „financial accelerator“.  
Wechselkurskanal: Eine expansive Geldpolitik hat Einfluss auf die Wechselkurse, da in der heimischen Währung denominierte Einlagen – im Vergleich zu Einlagen in Fremdwährungen – bei einer Zinssenkung an Attraktivität einbüßen. Infolge dessen verlieren Einlagen in der Landeswährung gegenüber Einlagen in Fremdwährungen an Wert, und die Währung wertet ab. Aufgrund dieser Abwertung sind inländische Güter günstiger als importierte Güter, was einen Anstieg der Nachfrage und somit ein Anwachsen der gesamtwirtschaftlichen Produktion zur Folge hat. Dieser Kanal funktioniert nicht bei Ländern mit einem fixen Wechselkurs, umgekehrt wirkt er umso stärker, je offener eine Volkswirtschaft ist. Wechselkursschwankungen können die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auch dadurch beeinflussen, dass sie auf die Bilanzen von Banken und anderen Unternehmen wirken, sobald ein wesentlicher Anteil der Verschuldung auf Fremdwährungen lautet. Sind Schuldverträge in Fremdwährungen denominiert, so verursacht eine Zinssenkung, die zu einer Abwertung der Landeswährung führt, eine Zunahme der Verschuldung der inländischen Banken und Unternehmen. Da die Aktiva normalerweise in der Landeswährung denominiert sind und daher wertmäßig nicht ansteigen, ergibt sich automatisch eine Verringerung des Firmenwerts. Mit einer Verschlechterung der Bilanzen kann das Risiko, dass einige Kreditnehmer ihre Kredite nicht ordnungsgemäß zurückzahlen können, so stark erhöht werden, dass Banken diesen Kreditnehmern keinen Kredit gewähren. Naturgemäß wären die Kreditnehmer infolgedessen gezwungen, ihre geplanten Ausgaben zu reduzieren. 

Vermögenskanal: Die Geldpolitik wird auch über die Preise von Vermögenswerten, wie zum Beispiel Aktienkurse und Immobilienpreise, übertragen. Schwankungen auf dem Aktien- oder Immobilienmarkt, die von geldpolitischen Impulsen beeinflusst werden, haben wesentliche Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft: Eine expansive Geldpolitik, mit der eine Senkung der Zinssätze einhergeht, lässt Anleihen im Vergleich zu Aktien weniger attraktiv erscheinen und kurbelt dadurch die Aktiennachfrage an, was wiederum die Aktienpreise in die Höhe treibt. Andererseits verringert eine Zinssenkung die Kosten der Wohnungsfinanzierung, wodurch die Immobilienpreise ansteigen. In Verbindung mit Vermögenspreisen wird zwischen folgenden Arten von Transmissionsmechanismen unterschieden:

  1. Investitionseffekte: Ein bedeutender Mechanismus für die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen von Aktienkursschwankungen wird in Tobins q-Theorie aufgezeigt. Tobin definiert q als das Verhältnis zwischen dem Marktwert eines Unternehmens und seinen Wiederbeschaffungskosten. Ist q hoch, so ist der Marktpreis eines Unternehmens im Verhältnis zu seinen Wiederbe-schaffungskosten ebenfalls hoch, und neues Anlage- und Ausstattungskapital ist daher im Verhältnis zum Marktwert des Unternehmens günstig. In diesem Fall kann ein Unternehmen Aktien begeben und dafür, verglichen mit den Kosten der erworbenen Anlagen und Ausstattungen, einen hohen Preis erzielen. In der Folge steigen die Investitionsausgaben, da das Unternehmen bei lediglich geringer Aktienemission eine vergleichbar große Menge neuer Investitionsgüter erwerben kann. Eine Zinssenkung, die mit einem Anstieg der Aktienkurse einhergeht, verringert daher die Kapitalkosten des Unternehmens, was zu wachsenden Investitionsausgaben führt. 
  2. Vermögenseffekte: Nach dem Lebenszyklusmodell von Modigliani wird der Konsum durch die einem Verbraucher während des gesamten Lebens zur Verfügung stehenden Ressourcen bestimmt. Eine wichtige Komponente dieser Lebenszyklusressourcen ist das Finanzvermögen, von dem ein Großteil auf Aktien entfällt, und das Vermögen in Form von Immobilien. Damit erhöht eine Zinssenkung, die einen Anstieg der Aktienkurse und der Immobilienpreise bewirkt, den Vermögenswert privater Haushalte. Gleichzeitig vergrößern sich dadurch die Lebenszyklusressourcen der Verbraucher, dies bewirkt wiederum ein Konsumwachstum und damit eine höhere gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
  3. Bilanzeffekte: Ein Anstieg der Aktienkurse sowie der Immobilienpreise verbessert sowohl die Bilanzen von Unternehmen als auch die der Haushalte. Ein höheres Reinvermögen bedeutet, dass effektiv mehr Sicherheiten für die an eine Firma oder an einen Haushalt vergebenen Kredite vorliegen. Dies führt wiederum zu einer erhöhten Kreditvergabe, zu höheren Investitionsausgaben und damit zu höheren gesamtwirtschaftlichen Ausgaben.                          


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