Wirtschaftliche Analyse


Die wirtschaftliche Analyse konzentriert sich vor allem auf die Beurteilung der aktuellen konjunkturellen und finanziellen Entwicklung sowie der kurz- bis mittelfristigen Risiken für die Preisstabilität.

 

Die im Rahmen der wirtschaftlichen Analyse beobachteten Indikatoren helfen, die Dynamik der realwirtschaftlichen Aktivität und die voraussichtliche Preisentwicklung über kürzere Zeithorizonte unter dem Gesichtspunkt des Zusammenspiels zwischen Angebot und Nachfrage an den Güter-, Dienstleistungs- und Faktormärkten zu bewerten.

 

Zu den wirtschaftlichen und finanziellen Variablen, die dieser Analyse zugrunde liegen, gehören:

  • die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion und Nachfrage1) und ihrer Komponenten,
  • eine breite Palette von Preis- und Kostenindikatoren2)
  • das Investitionsklima und die Arbeitsmarktbedingungen3),
  • die Entwicklung des Wechselkurses4)
  • die Entwicklung der Weltwirtschaft, 
  • die Zahlungsbilanz5)
  • Finanzmarktindikatoren6) und Preise für Vermögenswerte sowie 
  • die Fiskalpolitik7)
  • die Bilanzpositionen8) von Wirtschaftssektoren des Euro-Währungsgebiets.     
Eine zentrale Rolle bei der wirtschaftlichen Analyse kommt den von Experten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen9) zu, die durch die Zusammenführung einer Fülle an wirtschaftlichen Informationen und unter der Verwendung ständig aktualisierter Prognose­instrumente10) entsteht. Die gesamtwirtschaftlichen Projektionen spielen eine wichtige, aber keine allumfassende Rolle für die Geldpolitik der EZB.

1) Indikatoren der Produktion und Nachfrage geben Aufschluss über die Position der Wirtschaft im Konjunkturzyklus, einem wichtigen Bestandteil der von der EZB erstellten Analyse der Aussichten für die Preisentwicklung. Quellen für Informationen zur Nachfrage sind die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Konjunkturstatistiken zur Lage in der Industrie und im Dienstleistungssektor, Daten zu den Auftragseingängen und qualitative Erhebungsdaten.

2) Neben dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) Link zu „Konstruktion und Merkmale des HVPI“ und seinen Komponenten können Angaben zur Preisentwicklung in der Industrie, gemessen an den Erzeugerpreisen, eine wichtige Rolle dabei spielen, künftige Änderungen der Verbraucherpreise anzuzeigen, denn in der Regel schlagen Veränderungen der Produktionskosten auf die Verbraucherpreise durch. Die Arbeitskosten, die ein wichtiger Bestandteil der gesamten Produktionskosten sind, üben über die Lohnstückkosten einen beträchtlichen Einfluss auf die Preisbildung aus.

3) Arbeitsmarktdaten (zu Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, offenen Stellen, Erwerbsbeteiligung) sind von entscheidender Bedeutung bei der Überwachung konjunktureller Entwicklungen und der Beurteilung struktureller Veränderungen in der Funktionsweise der Wirtschaft des Eurogebiets.

4) Wechselkursbewegungen wirken sich über ihren Einfluss auf die Importpreise unmittelbar auf die Preisentwicklung aus. Veränderungen des Wechselkurses können auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der im Inland produzierten Waren auf den internationalen Märkten verändern und so die Nachfragebedingungen und möglicherweise die Preisperspektiven beeinflussen. Wenn solche Wechselkurseffekte die Erwartungen und das Verhalten der am Lohn- und Preisbildungsprozess Beteiligten verändern, könnte es zu wechselkursbedingten Zweitrundeneffekten kommen.

5) Zahlungsbilanzstatistiken geben wichtige Hinweise auf Entwicklungstendenzen im Export- und Importgeschäft, die über ihre Wirkung auf die Nachfragebedingungen den Preisauftrieb beeinflussen können. Diese Daten ermöglichen auch eine Beobachtung der Aus- und Einfuhrpreise und damit eine Beurteilung der potenziellen Auswirkungen von Wechselkursbewegungen und Änderungen der Rohstoffpreise (wie z. B. der Ölpreise) auf die Importpreise.

6) Finanzmarktindikatoren und Preise für Vermögenswerte können einen starken Einfluss auf die Preisentwicklung haben. Zudem können anhand der Preise für Vermögenswerte und der Anlagerenditen Erkenntnisse über die Erwartungen an den Finanzmärkten, einschließlich der erwarteten künftigen Preisentwicklung, gewonnen werden. Ebenso kann die Beobachtung der Vermögenspreise dabei helfen, Schocks zu identifizieren, denen die Wirtschaft jeweils ausgesetzt ist.

7) Ein erheblicher Teil der Wirtschaftsaktivität entfällt auf den Staatssektor, sodass Angaben sowohl zu den finanziellen als auch den nichtfinanziellen Konten des Staatssektors unbedingt erforderlich sind.

8) Die Bilanzstatistik der Monetären Finanzinstitute (MFIs) liefert Informationen, die man zur Ableitung der Geldmengenaggregate des Eurogebiets und deren Gegenposten heranziehen kann. Außerdem liefern die Angaben zur Finanzierungsrechnung ein Abbild der Finanztransaktionen und Bilanzen aller Wirtschaftssektoren, wie etwa der privaten Haushalte sowie der finanziellen und nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften. Diese Statistiken geben Aufschluss über die Geldvermögensbildung und Finanzierung der verschiedenen Sektoren, über die Entwicklung von Vermögen und Verschuldung sowie die finanziellen Wirkungszusammenhänge zwischen den Sektoren.

9) Mit dem Begriff „Projektion“ soll verdeutlicht werden, dass die veröffentlichten Projektionen auf einer Reihe technischer Grundannahmen beruhen (darunter die Annahme unveränderter Kurzfristzinsen). In vielen Zentralbanken werden auf diese Art und Weise Projektionen erstellt, um die geldpolitischen Entscheidungsträger bestmöglich darüber zu informieren, was geschehen könnte, wenn die Leitzinsen unverändert blieben. Angesichts dessen sollte klar sein, dass die Projektion im Allgemeinen – vor allem auf etwas längere Sicht – nicht die beste Prognose für die tatsächlichen künftigen Entwicklungen ist. Tatsächlich bildet sie ein Szenario ab, das in der Praxis aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eintreten wird, da die Geldpolitik auf mögliche Gefahren für die Preisstabilität reagieren wird.

10) Für den Euroraum wie auch für die einzelnen Mitgliedstaaten stehen mehrere verschiedene makroökonomische Modelle zur Verfügung. Angesichts der Modellunsicherheit ist die Verwendung einer Vielzahl von Modellen, die unterschiedliche Auffassungen über die Wirtschaftsstruktur widerspiegeln und mittels verschiedener Methoden erstellt wurden, der Verwendung eines einzigen Ansatzes vorzuziehen. Die anhand dieser Modelle erstellten Projektionen werden mit dem Fachwissen der Experten bei der EZB und den NZBen abgeglichen.

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