Die Kreditvergabepraxis und die damit verknüpfte Konditionenpolitik wird sich, so wie in allen anderen Industrieländern, auch in Österreich ändern. In Zukunft müssen Banken bei jedem Kredit die Bonität des Kreditnehmers einschätzen, das heißt, die zukünftige Zahlungsfähigkeit prüfen, in dem ein sogenanntes "Rating" entweder intern durch die einen Kredit vergebende Bank selbst oder alternativ durch externe Ratingagenturen durchgeführt wird. Nach den Vorstellungen des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht, den aller G-10-Staaten angehören und der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel ansässig ist, soll bis zum Jahr 2005 jeder einzelne Kredit mit einem von der Bonität des Kreditnehmers abhängenden Eigenkapitalanteil abgesichert werden. Zweck dieser Vorschrift ist es, Risikopolster einzuplanen und somit künftige Bankenkrisen zu vermeiden.
Immer komplexere, vielfach international verflochtene Unternehmens- und Geschäftsstrukturen haben vor allem auch dazu geführt, daß neben anderen Risiken für die Bank auch die Kreditrisiken ad hoc und ohne fundiertes Fachwissen bzw. Branchenkenntnis immer schwerer einschätzbar werden bzw. Zusammenhänge einzelner Kreditnehmer vom Risikogesichtspunkt her nur durch Spezialisten beurteilt werden können. Ein weiterer Aspekt ist, daß Banken, die bereits über ein adäquates Risikobeurteilungssystem verfügen, Kunden, die bei ihrer Hausbank bis dato zu hohe Zinsen zahlen mußten, mit günstigeren Konditionen an sich ziehen konnten. Banken, bei denen aber entsprechende Bonitätsbeurteilungssysteme fehlten, im Gegenzug immer schlechtere Portfolien aufwiesen, ohne sich dessen tatsächlich bewußt zu sein.
Ein Rating als solches stellt keine Tatsache im rechtlichen Sinn sondern eine Meinung über die Bonität eines Unternehmens, das heißt aus der Sicht der Bank: die Wahrscheinlichkeit der pünktlichen und vollständigen Bezahlung der Zins- und Tilgungsverpflichtungen eines Schuldners dar. Ein standardisiertes Rating ist jedenfalls ein wichtiges Hilfsmittel für eine gezielte, aus Risiko- und Ertragsgesichtspunkten ausgerichtete Beurteilung. Unverzichtbare Voraussetzung, vor allem für Großbanken, ist die Nutzung von Kreditrisiko-Modellen, um eine große Anzahl an Kreditnehmern nach objektiven und nachvollziehbaren Kriterien in einem angemessenen zeitlichen und finanziellen Rahmen zu beurteilen.
Sowohl in der Informationstechnologie als auch in der Finanztheorie wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Wurden früher Kreditmanagern große Entscheidungsspielräume eingeräumt, so übernehmen in international tätigen Großbanken verstärkt Portfoliomanager, die ihr Hauptaugenmerk auf die Gesamtsicht (regional und nach Branchen) legen, das Ruder. Kreditbestände werden in Zukunft mehr und mehr wie Investmentportfolios verwaltet bzw. sogar gehandelt. Voraussetzung dafür wiederum ist unter anderem ein marktorientiertes EDV-Kreditüberwachungssystem, welches in Echtzeit die Weitergabe von Informationen zwischen Zentrale und Außenstellen ermöglicht.
Natürlich haben sich die österreichischen Banken auch schon bisher mit der Bonitätsbeurteilung von Kreditnehmern beschäftigt. Die bestehenden internen Ratingverfahren sind jedoch höchst heterogen und von unterschiedlicher Qualität und entsprechen nicht oder nicht gänzlich den in Zukunft aufsichtsrechtlich geforderten Mindestanforderungen. Auch in der Datenhaltung, Datenpflege und Backtesting und damit möglichen Vailidierung von Modellen gibt es starke Unterschiede bzw. große Lücken.
Die Beurteilungsverfahren großer, international tätiger Ratingagenturen wie Moody´s oder Standard & Poor´s wurden seit deren Bestehen laufend vorangetrieben. Viele Banken, die bis dato noch keine eigenen Risikomanagementsysteme von ausreichender Treffsicherheit aufgebaut haben, nutzen nun entweder das hieraus abgeleitete Know-how, um selbst ähnliche Systeme aufzubauen, oder kaufen fertige Produkte, die sie in ihre eigene Datenbank integrieren. Wie auch immer die Beurteilungssysteme in Zukunft aussehen werden, eines ist gewiß: die Unternehmen werden deutlich mehr Information bereitstellen müssen, um ihr Geschäftsrisiko transparent zu vermitteln und so positiv auf die Kreditkondition einwirken zu können.
Vor knapp einem Jahr führte das deutsche Auskunftsbüro Creditreform eine Erhebung bei 1.800 österreichischen Unternehmen durch, um deren Einstellung zum Thema Rating zu analysieren. Hierbei kam man zum Ergebnis, daß Banken auch in Zukunft bei der Finanzierung der mittelgroßen Betriebe eine entscheidende Rolle spielen sollen. Einen Börsengang lehnte eine überwiegende Mehrheit der Befragten ab. Trotzdem wurde das Unternehmensrating als Weg gesehen, günstigere Finanzierungsmöglichkeiten zu erreichen. Mehr als die Hälfte der Unternehmer konnten sich damals ein Rating für ihren Betrieb vorstellen. Trotzdem gaben über 60 Prozent der Befragten an, ungern Firmendaten weiterzugeben. Überraschenderweise führten über 60 Prozent eine günstige Ausgangslage für Bankverhandlungen und ebenfalls ein Großteil die Stärkung ihrer Position gegenüber Geschäftspartnern durch ein Rating an.
Worauf wird nun bei der Erstellung eines Ratings besonderes Augenmerk gelenkt? Ein Rating im "klassischen Sinn" besteht aus einen "quantitativen" Teil (auch Hard-Facts oder Finanzrisiko genannt; hierzu gehört vor allem die Jahresabschlußanalyse) und einem "qualitativen" Teil (auch Soft-Facts oder Geschäftsrisiko genannt; hierzu gehören Einschätzung von Management, Markt, Länderrisiko etc.). Viele Kommerzbanken nützen auch Kontoentwicklung und -saldo für ihre Analysen, eine Information, die z. B. externen Ratingagenturen nicht zur Verfügung steht. Besonders Problematisch ist die Beurteilung von Neugründungen, sog. "Start-ups", die kein historisches Datenmaterial vorweisen können.
Haupteinflußfaktor für das Ergebnis eines Ratings vom System her ist die Gewichtung der einzelnen Faktoren. Diese hängt Großteils von der Sichtweise und somit auch von der Erfahrung und Strategie einer Bank ab.
Im Vergleich zu den quantitativen Faktoren werden in den meisten Ratingmodellen bei den qualitativen Faktoren dem Analysten einerseits große Ermessensspielräume gelassen, andererseits sind diese vom Unternehmen selbst zumeist nicht steuerbar. So können z. B. Branchen- und Ländereinschätzungen nicht vom zu beurteilenden Unternehmen beeinflußt werden. Eine vom Center für Financial Studies (CFS) an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt durchgeführte empirische Erhebung kam zu folgendem Ergebnis: Die Einschätzung des Kreditnehmerns bei den quantitativen Kriterien fiel tendenziell schlechter aus als bei den qualitativen, das heißt, daß dort, wo dem Analysten Ermessensspielräume zur Verfügung gestellt wurden und nicht nur das reine Zahlenmaterial zur Analyse diente, die Ermessensspielräume zumeist zugunsten der Kreditnehmer genutzt wurden. Dies läßt andererseits auch den Schluß zu, daß bei der Entscheidungsfindung in Banken in der Vergangenheit oft die Ausweitung des Kreditvolumens im Vordergrund stand.
Seitens der Wirtschaft wird immer wieder der Sorge Ausdruck verliehen, daß Unternehmen, die in Branchen tätig sind, deren Zahlungsfähigkeit generell als schlecht betrachtet wird, pauschal mit höheren Zinsen belastet würden. Kürzlich erst sorgte dies für viel Gesprächsstoff bezüglich der Tourismusbranche, weil hier befürchtet wird, daß teure Konditionen die gesamte wirtschaftliche Entwicklung dieser Branche, deren wirtschaftliche Lage als eher "kritisch" eingeschätzt werden muß, negativ beeinflussen würde. Im Gegensatz dazu gibt es auch Branchen, die generell eine positive Gesamtnote bekommen. Dabei handelt es sich vor allem die Wirtschaftszweige, die durch steigende Nachfrage, durch die Fähigkeit, ohne Beeinträchtigung der Investitionstätigkeit Gewinnmargen zu halten und durch hohe Flexibilität bei der zeitlichen Gestaltung von Investitionen gekennzeichnet sind. Als Beispiel in Österreich ist u. a. die Elektrizitätswirtschaft zu nennen. Allerdings ergibt umgekehrter Weise eine gute Branchennote noch lange keine gute Note für das Unternehmen. Rein vom Risikostandpunkt her scheint diese Vorgehensweise auf den ersten Blick jedenfalls gerechtfertigt. Die gesamtwirtschaftlichen Folgen in einem weiteren Kontext gesehen sind dem gegenüber schwer abschätzbar.
Eines jedoch ist gewiss: Unternehmen, die bereits jetzt ihr Risiko transparent darstellen und eine offene Informationspolitik betreiben sowie auch etwaige negative Ratingergebnisse nicht nur hinnehmen, sondern zum Anlaß sehen, in von ihnen steuerbaren Bereichen auch tatsächlich positive Veränderungen durchzuführen, werden hiervon profitieren können. Dieses Ratingergebnis müßte konsequenter Weise als Indikator gelten, den Fortbestand des Unternehmens durch Früherkennung und rechtzeitige Beseitigung latenter Risiken zu gewährleisten. Nur so kann im Fall von negativen Entwicklungen die notwendige Gegenmaßnahme ergriffen und sowohl Mikro- als auch Makroökonomischen Folgen entgegengewirkt werden. Darüber hinaus sollte an dieser Stelle aber auch bedacht werden, daß nicht nur eine drohende Insolvenz abgewendet, sondern ein Unternehmen nur dann wirklich erfolgreich sein kann, wenn die Geschäftsleitung die Chancen des Unternehmens optimal erkennt und nutzt, zugleich aber auch die strategischen und operativen Risiken richtig einschätzt und Schwachstellen bewältigt.
Finanzmarktstabilität – Bankenaufsicht
Moderne Methoden des Kreditrisikomanagements
Entwicklung und Einfluß auf Banken und deren Kunden
Newsletter vom 22. 07. 2002
Banken müssen in Zukunft vor Kreditentscheidungen die Bonität ihrer Kreditnehmer einschätzen. Viele heimische Banken, die bis dato noch keine adäquaten Risikomanagementsysteme aufgebaut haben, versuchen nun, entweder selbst Systeme zu kreieren, oder fertige Produkte anzukaufen. Seitens der Wirtschaft wird unterdessen der Sorge Ausdruck verliehen, daß Branchen, deren wirtschaftliche Entwicklung als schlecht eingeschätzt wird, pauschal mit höheren Zinsen belastet würden, was gesamtwirtschaftliche Folgen haben könnte.
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